2016 WERDEN DIE ERSTEN LIZENZEN VERGEBEN

Der weltweite Energiebedarf steigt stetig an, und die Suche nach neuen Rohstoffen hat nun auch die Meere erreicht. Ab 2016 vergibt die Internationale Meeresbodenbehörde ISA erstmals Bergbaulizenzen für die Tiefsee. Der Geologe Sven Petersen plädiert dafür, sich ernsthaft mit dem Meeresboden als Rohstofflager zu beschäftigen.


"Bergbau ist immer ein Eingriff in die Umwelt, egal ob er an Land oder unter Wasser stattfindet", sagt der Mitarbeiter des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel und Mitautor des dritten Teils des "World Ocean Review", im science.ORF.at-Interview. Angesichts des vermuteten Rohstoffreichtums des Meeresbodens plädiert Petersen - ebenso wie die anderen Autoren des Berichts - für eine starke internationale Behörde, die die Bedingungen einer Tiefseeförderung festlegt und streng kontrolliert.

ÖL ZU EINEM DRITTEL AUS DEM MEER

Bei der Nutzung des Meeres als Rohstoffquelle haben die meisten Menschen wohl ein Bild vor Augen: Bohrplattformen und - als jüngster negativer Höhepunkt - "Deepwater Horizon", also jene Bohrinsel, die 2010 explodierte und zur bisher schwersten Ölpest geführt hat. In gewisser Weise ist dieser Vorfall auch symbolisch für den Umgang des Menschen mit dem Meer, zumindest was das Öl betrifft: Dieser derzeit wichtigste fossile Energieträger wird bereits zu einem guten Drittel im Meer gefördert, die Offshore-Ölindustrie hat sich ebenso wie der Kohleabbau in Küstennähe längst etabliert. Im Zweifelsfall geben die einzelnen Staaten den Interessen der Unternehmen Vorrang vor dem Schutz des Meeres und seines Ökosystems - das belegte nicht zuletzt die jüngste Entscheidung der australischen Regierung, den Ausbau eines Kohlenverladehafens samt Entsorgung des Aushubs im Meer direkt vor dem Great Barrier Reef zu genehmigen. Wer für Umweltschäden durch Fehler beim Abbau vor den Küsten zu haften habe, sei noch immer nicht ausreichend geklärt, wird denn auch im nun vorliegenden Bericht kritisiert. "Geschädigte wie regionale Fischer oder Touristikunternehmer müssen lange auf Entschädigungen warten, weil Ölkonzerne und der Staat vor Gericht um die Haftung streiten", heißt es da. Ein internationaler Fonds, aus dem Entschädigungen bezahlt werden könnten, werde von den Unternehmen bisher abgelehnt.

MATHANHYDRATE: INTERESSE ABGENOMMEN

Öl und Gas sind aber nicht die einzigen fossilen Energiestoffe, die das Meer zu bieten hat. "Methanhydrate" heißt hier das Stichwort. Dabei handelt es sich um eine feste, Eis-ähnliche Verbindung aus Wasser und dem Erdgasbestandteil Methan. Es entsteht in einer Tiefe zwischen 500 und 3.000 Metern, wo es sich aufgrund des hohen Wasserdrucks und der niedrigen Temperatur verfestigen kann. Laut Bericht schätzen Experten, dass in den Hydraten weltweit 10-mal mehr Gas enthalten ist als in allen konventionellen Lagerstätten.

Klingt verlockend, dennoch ist das Interesse daran in den letzten Jahren zurückgegangen, erklärt Rohstoffgeologe Petersen: "Durch die massive Förderung von Schiefergas in den USA und den damit verbundenen Preisrückgang für Erdgas hat der Abbau von Methanhydraten in den letzten Jahren deutlich an Attraktivität verloren." Außerdem gebe es noch keine Technologie, um aus Hydraten im großen Stil Methanhydrat zu fördern. "Derzeit forschen nur mehr Staaten, die zu 100 Prozent von Energieimporten abhängig sind, an einer Möglichkeit zur Förderung", so Petersen und nennt Japan, Taiwan und Südkorea.

WERTVOLLE METALLE

Es sind aber nicht nur Energierohstoffe, die den Meeresboden so interessant machen, sondern auch Metalle, die bei der Erzeugung von Hightech-Produkten benötigt werden. Manganknollen etwa werden kartoffel- bis salatkopfgroß und liegen in manchen Bereichen der Ozeane in großer Zahl auf dem Sediment. Sie enthalten neben dem im Namen vorkommenden Mangan auch Eisen und viele andere für die Industrie wichtige Metalle. Kobaltkrusten entstehen durch die Ablagerung metallhaltiger Verbindungen, auch sie enthalten Mangan und Eisen, daneben noch Kobalt und weitere Metalle. Massivsulfide entstehen, wenn sich metallhaltige Schwefelverbindungen rund um heiße Quellen ablagern. Sie sind laut "World Ocean Review" besonders interessant, weil sie viel Gold und Silber enthalten.

Die Bedeutung dieser unterseeischen Metalle wird deutlich, wenn man sich die derzeitigen Abhängigkeiten in der Weltwirtschaft vor Augen führt: Viele dieser Rohstoffe werden hauptsächlich in China abgebaut, Industrienationen wie Frankreich oder Deutschland wollen sich mit Abbaurechten am Meeresboden ein bisschen unabhängiger von den Importen machen. Rohstoffgeologe Sven Petersen verweist darauf, dass diese Abhängigkeit selbst gewählt ist. Denn im Grund gäbe es auch in den Industriestaaten genügend Metalle. Der Abbau in China wurde aber so billig, dass die Wirtschaft im Westen auf günstige Importe setzte, anstatt die teurere Förderung vor Ort zu bezahlen.

DER NÄCHSTE GOLDRAUSCH?

Steht also der nächste "Goldrausch" bevor, dieses Mal eben am Meeresboden? Um einen Wettlauf um die ertragreichsten Gebiete zu verhindern und wildem Abbau inklusive möglicher Umweltschäden einen Riegel vorzuschieben, arbeitet die Internationale Meeresbodenbehörde an entsprechenden Regeln. Bisher wurden Forschungslizenzen vergeben, die China, Deutschland, Frankreich, Indien, Japan, Russland, Russland sowie die Interoceanmental Joint Organisation, ein Zusammenschluss von Bulgarien, Tschechien, der Slowakei, Polen, Russland und Kuba, bekommen haben. Anträge wurden kürzlich auch von zwei Unternehmen sowie einigen Entwicklungsländern, die mit westlichen Firmen kooperieren, gestellt.

Abbaulizenzen gab es bisher noch keine, 2016 sollen die ersten Staaten bzw. Firmen die Erlaubnis zum Unterwasserbergbau bekommen. Dass eine internationale Organisation auf die Einhaltung von Umweltvorgaben achtet, sieht Experte Sven Petersen positiv: "Der Bergbau unter Wasser hätte unter diesem Umständen viel bessere Chancen, unter Einhaltung von Umweltschutzauflagen abzulaufen, als das in vielen Küstengebieten heute der Fall ist." Er würde dafür plädieren, dass die Behörde auch die Nutzung von Küstengewässern reglementiert, seiner Einschätzung nach würden sich aber etablierte Industrienationen wie Länder der Europäischen Union, die USA und Australien diesem Reglement nicht unterwerfen.

KEINE EINDEUTIGE BEWERTUNG

Die Experten des "World Ocean Review" rechnen damit, dass 2016 der Abbau von Manganknollen vom Meeresboden beginnen wird. Einer generellen Bewertung, ob die Nutzung des Meeres als Rohstoffquelle positiv oder negativ zu sehen ist, enthält sich sowohl der Bericht als auch Mitautor Sven Petersen: "Im Moment kommen alle Metalle, die wir brauchen, von einem Drittel der Oberfläche des Planeten - inklusive aller Auswirkungen auf Regenwälder und andere sensible Zonen. Die Ozeane machen 70 Prozent unserer Erdoberfläche aus. In manchen Fällen wäre es wohl sozial und ökologisch verträglicher, einen Teil des Bergbaus unter Wasser zu machen, um Landflächen zu schonen."

Gleichzeitig sei es aber notwendig, das gesamte Potenzial an ressourcensparenden Technologien auszuschöpfen, meint Petersen: "Wir können noch eine Menge mehr tun in Punkto Rohstoffverbrauch, indem wir uns ein bisschen einschränken, indem wir mehr recyclen. Bevor man in die Meere geht, sollte man andere Rohstoffquellen noch besser nutzen."

 

(Elke Ziegler, science.ORF.at, 20.02.2014)